WS16 – Eine Bahnfahrt die ist lustig und normal wirken


Hallo ihr lieben,

Heute geht es um die Rückfahrt von der GPN von Karlsruhe nach Berlin und darum, wie normal Autisten nach außen wirken.

Gruß Jan

Sendungmitschrift

Eine Antwort zu „WS16 – Eine Bahnfahrt die ist lustig und normal wirken

  1. Hallo, ich möchte einmal zunächst mein allerschärfstes Bahnerlebnis erzählen. Als ich von Valencia nach Madrid fuhr, stürzte die gesamte Elektronik auf den Zug herunter. Eigentlich hätte ich in Madrid in den Zug nach Paris steigen müssen. Das war nun nicht mehr möglich. Ich bin fast blind, daher war es besonders schwierig, nun anders zu planen. Die Spanier waren total locker drauf, obwohl die Klimaanlage nicht mehr funktionierte, und es eine starke Hitze gab. Jeder sprach mit jedem, Bootzigaretten an, es war richtig lustig. Ich stieg dann in Madrid in einen Schnellzug nach Paris, wobei ich den Aufpreis für den Schnellzug hätte zahlen müssen. Ich erklärte aber die Situation, so durfte ich mitfahren. Irgendwann hatten wir dann sogar meinen Nachtzug, den ich ursprünglich von Madrid nach Paris hätte nehmen sollen, eingeholt. Ich wurde vor die Wahl gestellt: Entweder aussteigen oder den Aufschlag zahlen. Ich stieg aus. Das Problem war aber, dass ich ja auch damals schon fast blind war, und mir jemand in den nun heranfahrenden Zug helfen musste. Während ich auf den Zug wartete, hörte ich die gesamten Kommentare der Zollbeamten, die sich über die Passbilder der Leute lustig machten oder die Bilder schöner Frauen dementsprechend kommentierten. Schließlich konnte ich dann in meinen Zug steigen und fand sogar das Abteil meines Liege Wagens.

    Zum Thema, Du wirkst ja so normal: dies kann ein Kompliment sein, wenn die Diagnose nicht abgesprochen wird. Wenn jemand sagt, obwohl Du diesen Autismus hast, machst Du das aber ganz gut. Wobei ich mich frage, ist es immer so erstrebenswert, normal zu wirken? Auch Gehbehinderte oder Sehbehinderte müssen sich zum Beispiel den Satz anhören, Dir sieht man das ja gar nicht an. Es hört sich an, als handele es sich hier um einen Schandfleck. Dennoch wird ja Normalität immer als das erstrebenswertes der angesehen, daher ist es natürlich als Kompliment gemeint.

    Anders sieht es aber aus, wenn mit dieser Äußerung impliziert werden soll, Du kannst doch unmöglich autistisch sein. Dies kann einem sogar bei sogenannten Fachleuten passieren. Ich war in der gedaechtnissprechstunde, wobei man mir sagte, ich hätte keine organischen Ursachen für meine Gedächtnisprobleme. Als ich anmerkte, dass ich autistisch sei und ADHS hätte, meinte der Mann, aber sie wirken doch gar nicht autistisch. Ich hätte erwartet, dass er zumindest sagt, wenn sie diese Diagnosen haben, sieht es vielleicht etwas anders aus, und Ihre Gedächtnisprobleme lassen sich dadurch erklären. In diesem Falle hatte ich aber eher den Eindruck, dass er mir die Diagnosen aufgrund meiner “normalen” Wirkung einfach abspricht. Er fragte mich dann, warum man mir die Diagnose ADHS gegeben hätte, und ich sagte ihm, da ich so impulsiv sei. Da meinte er, aber sie sind doch nicht impulsiv. Ich sagte ihm, dass zwei Universitätskliniken die Diagnose atypische Autismus bestätigt hätten, und dass er ja in diesen paar Minuten, in denen wir Kontakt hätten, nicht beurteilen könnte, ob ich impulsiv sei oder nicht. Da meinte er dann etwas zerknirscht, dann muss es ja wohl stimmen, wenn zwei Universitätskliniken dies bestätigt haben. Wirklich überzeugt war er dennoch nicht, hatte ich so das Gefühl.

    Manchmal ist der Satz, Du wirkst aber doch ganz normal, oder, Du siehst doch ganz gut aus (ich habe auch eine Nierenschwäche, weswegen ich lange an der Dialyse war und nun transplantiert bin), ein Kompliment, manchmal wirkt dies aber auch so, als ob der andere einem nicht glaubt. Dann muss man sich erst rechtfertigen und sagen, auch wenn ich gut aussehe, heißt das nicht, dass es mir gerade gut geht. Das ist dann doppelt anstrengend.

    Was mir sehr häufig passiert, ist, dass, wenn ich irgendwelche Beschwerden nenne, mir die Menschen sagen, es ginge ihnen genauso. Wenn ich zum Beispiel sage, dass ich Probleme mit der Wahrnehmung und der geteilten Aufmerksamkeit habe, heißt es, stimmt, das habe ich auch, ich kann auch oft nicht zwei Dinge gleichzeitig tun. Dann werden aber ziemlich krasse Beispiele genannt, die eigentlich kein Mensch gleichzeitig erledigen kann. Dass es bei mir schon um Dinge geht, wie zum Beispiel gleichzeitig Kaffee zu kochen, ein Brot zu rösten und dann noch Eier zu machen, und dies schon für mich die ultimative Herausforderung ist, kann ich anderen schlecht klarmachen. Selbst dann, wenn ich über meine Blindheit oder über mein Wohlbefinden bezüglich meiner organischen Erkrankungen spreche, höre ich immer wieder den Satz, mir geht es genauso. Ich frage mich, warum ich dann überhaupt eine Diagnose Autismus und einen Schwerbehindertenausweis habe, wenn es doch aller Welt genauso geht, andere dann halt offenbar nur einfach damit besser klarkommen. Ich frage mich manchmal, ob ich wirklich mehr Schwierigkeiten habe als andere, und sich dadurch meine Probleme im Alltag hinreichend erklären lassen, oder ob es nicht tatsächlich Nichtbehinderten und Neurotypischen Menschen genauso geht, sie aber diese Situationen einfach besser meistern als ich.

    Wenn man seinen Autismus erwähnt, wobei ich meistens nur Teilaspekte erwähne, ohne den Namen der Diagnose jedem auf die Nase zu binden, dann hört man oft den Satz, ich müsste das auch mal untersuchen lassen, das hab ich auch. Wie weit man das ernst nehmen kann, und inwieweit man wirklich Menschen vor sich hat, die einem gerade erklären, dass sie ebenfalls autistisch sind, oder inwieweit das nur Menschen sind, die meine Beschwerden bagatellisieren und auf ein normales Niveau zurückstutzen möchten, ist schwer zu beurteilen. Immerhin kann es ja sein, dass man rein zufällig einem anderen Autisten begegnet, oder dass jemand tatsächlich schon länger über diese Erkrankung nachdenkt und sich gerade um Hilfe bemüht. Dann ist ein Austausch sinnvoll, dass man einander Tipps gibt, wo man Hilfe und eine ordentliche Diagnostik erhält.

    Ich habe wenige unter den Autisten gefunden, bei denen ich mich wieder finde, oder wo ich sagen kann, die sind so ähnlich wie ich. Ich war auch schon in Foren oder Stammtischen, wo ich dieselben Probleme hatte, die ich auch in der Neurotypischen Umgebung habe. Das finde ich traurig, ich würde mir so sehr wünschen, auch mal Menschen zu finden, die ähnliche Schwierigkeiten haben und ähnlich wenig erreicht haben wie ich oder sich auch oft bei den einfachsten Dingen so anstellen. Dabei geht es nicht darum, seine Zipperlein zu vergleichen, und von Hinz und Kunz und Kreti und Pleti zu hören, dass es ihnen genauso geht, sondern Menschen zu finden, die offen und ehrlich über ihre Schwächen reden, und dass sie bestimmte Situationen auch schlecht meistern können, oder in bestimmten Situationen die gleichen Probleme haben, oder sich vielleicht genauso anstellen wie ich. Das würde mir einmal gut tun, tatsächlich die Schwächen zu vergleichen und nicht immer nur die vermeintlich ähnlichen oder gleichen Herausforderungen zu vergleichen. Es gibt halt so viele verschiedene Formen von Autismus, wie es Autisten gibt. Und die Grenzen sind halt fließend, es gibt auch Neurotypische Menschen, die ähnliche Symptome haben, aber die eben nicht das ganze Vollbild aufweisen oder nur ein paar kleine Aspekte des Autismusspektrums zeigen. Zumindest erwarte ich von Fachleuten, egal ob sie nun Autismusexperten sind oder generell auf dem Feld der Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie arbeiten, dass sie nicht denselben Klischees anhängen, die noch immer in der Normalbevölkerung über Autisten existieren. Aber wenn immer mehr Menschen, die vermeintlich normal wirken, sagen, dass sie Autisten sind, dringt es vielleicht auch zur Normalbevölkerung und vielleicht auch zu den professionellen Helfern durch, dass Autismus nicht das ist, was klein Fritzchen sich gemeinhin darunter vorstellt.

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